
Der Oberlehrer meint: Was mit fremden Wörtern erklärt wird, bleibt unverstänlich.
Ich liebe es, über die Gnade nachzudenken. Sobald ich aber über sie schreiben soll, bekomme ich ein flaues Gefühl in der Magengegend, über das ich gern ein Wort verlieren würde.
Es gibt tausende verschiedene Gnaden, über die man herrlich schreiben kann. Es gibt die Gnade der Natur, die begnadete Künstler erstrahlen lässt. Es gibt die Gnade der gütigen, märchenhaften Könige, die ihre Gefangenen laufen lassen. Es gibt die Gnade, die unsere Kinohelden den Verbrechern verweigern und es gibt die Gnade, die der Natur fehlt, wenn sie unschuldige Menschen unter einer Flutwelle ertrinken lässt. Das alles sind sehr verschiedene und überaus interessante Gnaden, über die man herrlich spannende Dinge schreiben könnte. Über die Gnaden Gottes schreiben aber ist meistens nur für den interessant, der über sie schreibt.
Wenn ich beklage, dass die Katholiken sich heutigentags nicht für die Gnade interessieren, dann meine ich die Gaben, die für gewöhnlich als die bekannten Gnadengeschenke Gottes bezeichnet werden. Die scheinen weniger interessantzu sein.
Würde sich herumsprechen, dass Gott ein Gnadenjahr des Herrn ausgerufen hätte und allen, die zur Kirche kommen, finanzielle Hilfen garantierte, dann müssten sich die Prediger nicht um volle Kirchenbänke sorgen.
Solange sie aber nur mit den Gnaden der göttlichen Verzeihung und mit Freifahrtscheinen in den Himmel werben können, haben sie ihre liebe Not, die Zeitgenossen hinter ihren Öfen hervor zu locken.
Es hat vor einiger Zeit einen evangelischen Pfarrer gegeben, der allen, die zur Kirche kamen, ein kleines Geldgeschenk machte. Die Leute kamen in Scharen. Es zeigte sich aber, dass die Annahme, die gleichen Leute würden später ohne Geldgeschenke noch einmal wieder kommen, ein schöner Traum gewesen war.
Wenn ich mir einmal herausnehme, mich an die Stelle Gottes zu versetzen, dann glaube ich, sein Problem ist nicht, dass er keine Gnaden geben will, sondern, dass er die, die er geben möchte, nicht los wird.
Wie jeder weiß, streiten sich innerhalb der katholischen Kirche wieder mal die Kesselflicker über das Für und Wider von allen möglichen Reformen. Die Diskussionen sind höchst spannend und unterhaltsam. Sie beschäftigen Heerscharen von leidenschaftlichen Journalisten, von Kirchenfürsten und Kirchengegnern.
Die Leidenschaft aber, mit der die Streitereien ausgetragen werden, und die Tatsache, dass sich sogar Leute aus der Politik einschalten, sind verlässliche Zeichen für die Tatsache, dass es um Themen geht, die mit dem eigentlichen Anliegen des Lieben Gottes, nämlich der gnadenhaften Heiligung der Menschen eher weniger zu tun haben.
Das Problem mit den Gnaden ist also nicht, dass die Menschen keine wollen. Das Problem ist eher, dass die Menschen kein Interesse an denen haben, die über ihnen ausgegossen werden sollen. Warum das so ist, das gehört geklärt.
Als man sich beim heiligen Philipp Neri beschwerte, weil die Kinder, um die er um sich scharte, wieder mal viel zu laut waren, antwortete der, von ihm aus könnten sie auf seinem Rücken Holz hacken. Lediglich die Sünde würde ihn traurig machen.
Wer den Heiligen auch nur ein wenig kennt, der weiß, dass es ihm nicht um eine brave Anständigkeit und um spießige Benimmregeln zu tun war. Philipp wusste nur zu gut: Wenn die Kinder der Sünde verfallen wären; das heißt, wenn sie aufgehört hätten, ehrlich zu sein und wenn sie anfangen hätten, einander zu belügen oder zu bestehlen, dann hätte er sie vor allem für das verloren, was ihm immer das Wichtigste war: Dass sie mit ihm in Gott verbunden waren!
Der heilige Phillip war zweifelsohne ein große Menschenführer, wie der heilige Don Bosco auch. Beide werden heute wegen ihrer pädagogischen Fähigkeiten von allen gerühmt. Was sie aber von allen andern Pädagogen unterschied, das war, dass sie in erster Linie gar keine guten Pädagogen sein wollten.
Sie formten aus ihren Schützlingen anständige, ehrliche Leute und tadellose Staatsbürger. Ihr Hauptanliegen war es aber nie, anständige Bürger der Gesellschaft, sonder vor allem Bürger des Himmels aus ihnen zu machen. Das ist bei allen Heiligen so. Und weil das so ist, werden sie in den Reformpapieren der Kirche nie zitiert. Die Heiligen werden heilig genannt werden, weil es ihnen vor allem um Heiligkeit ging. Und ich hege den Verdacht, dass sie heutigentags in der Kirche genau deshalb nicht zu Wort kommen.
Der heilige Thomas scheint das geahnt zu haben und ist hier ein Heiliger wie er im Buche steht. Er beginnt in der Summe sein großes Werk über den Menschen erst einmal damit, dessen großes Ziel, die ewige Glückseligkeit zu beschreiben.
Er fängt nicht, wie man es vermuten könnte, damit an, die Probleme des menschlichen Daseins zu beschreiben. Er beginnt eben so wenig mit der Entwicklung der menschlichen Art, mit deren Machart oder mit Wachsen. Er beginnt auch nicht mit sozialen Dingen oder mit zwischenmenschlichen Angelegenheiten. Er beginnt viel mehr erst einmal mit der großen Aussicht, in die der Mensch gestellt ist: Er spricht erst einmal lang und breit vom Himmel!
Wenn es um den Menschen geht, ist der heilige Thomas wie einer, der erst einmal von den großen Ferien schwärmt, wenn er von der Schule reden soll.
In großen Werk des heiligen Thomas über den Menschen ist das Kapitel von der Gnade Gottes das letzte, das den großen Plan zum Abschluss führt. Zu dem kommt, dass Thomas das große Kapitel über den Menschen überhaupt erst beginnt, nachdem er lang und breit über Gott gesprochen hat.
Das alles bringt meine Schwierigkeiten auf den Punkt, die ich habe, sobald es darum geht, ein Kapitel über die Gnade schreiben zu wollen: Wenn es mit der Gnade beginnt, dann kann es nicht anders, als mitten drin anzufangen und hinten aufzuhören, ohne das erste, das Wichtigste und zugleich Schönste zu erwähnen.
Mein flaues Gefühl beim Schreiben über die Gnade kommt aus dem bangen Wissen, zu beginnen wie unsere müde gewordene Kirche, die von allem, außer vom Lieben Gott zu sprechen versteht. Es kommt aus der Befürchtung, zuvor viel zu wenig über den gesagt zu haben, der die Gnaden so gern unter dem Menschen verteilt wissen will. Man kann eine gute Gabe nicht angemessen beschreiben, ohne ein Loblied auf den Geber zu singen. Ein solches Loblied aber müsste meinem Kapitel vorangehen. Daher mein Zögern und Zaudern.
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